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Pferdegestützte Psychotherapie in der Suchtrehabilitation

„Suchen Sie sich ein Pferd aus.“ Mit dieser scheinbar einfachen Aufgabe beginnt für die Teilnehmenden der Psychotherapie unter Einsatz von Pferden bereits ein erster Teil der Therapie: Einige Teilnehmende entscheiden sich sofort für ein Pferd, während andere die Tiere zunächst beobachten oder abwarten, wie sich der Rest der Gruppe verhält. Für Dr. Angelika Papke, Leiterin der pferdegestützten Psychotherapie und Psychologische Psychotherapeutin in der Fachklinik LAGO, liefert dies erste Hinweise darauf, wie die Teilnehmenden mit Unsicherheit umgehen, Entscheidungen treffen oder sich auf neue Situationen einlassen. Diese erste Begegnung bildet somit einen Ausgangspunkt für die insgesamt vier Therapieeinheiten.

Ein Mann in einem weißen Pullover putzt ein braunes Pferd in einer Reithalle. Er steht seitlich zum Tier und streichelt oder bürstet dessen Hals und Schulterbereich.

Das Pferd als therapeutisches Medium

Die pferdegestützte Psychotherapie ist ein ergänzendes Angebot innerhalb der Suchtrehabilitation, bei dem das Pferd als therapeutisches Medium in den psychotherapeutischen Prozess eingebunden wird. Die unmittelbare Begegnung mit dem Tier schafft einen Erfahrungsraum, in dem Gefühle, Bedürfnisse und Beziehungsmuster unmittelbar erlebbar werden – gerade für Menschen, denen der Zugang zu den eigenen Emotionen schwerfällt. Die Erfahrungen und Impulse aus dem Kontakt mit dem Pferd werden gezielt genutzt, um psychotherapeutische Prozesse anzustoßen und zu vertiefen. Sie werden gemeinsam reflektiert und in Einzel- und Gruppentherapiesitzungen weiterbearbeitet. Besonders Menschen mit gravierenden Beziehungsschwierigkeiten, Selbstwertproblemen, einer negativen sozialen Erwartungshaltung oder einer geringen Selbstwirksamkeitserwartung können so dabei unterstützt werden, neue Erfahrungen zu machen und ihre individuellen Therapieziele zu erreichen.

Warum Pferde?

Pferde kommunizieren nonverbal. Als Fluchttiere nehmen sie ihre Umgebung aufmerksam wahr und reagieren sensibel auf die Körpersprache und Stimmung ihres Gegenübers. Dadurch geben sie Menschen eine direkte Rückmeldung auf ihr Verhalten. 

„Die Annäherung an so ein Tier bedeutet, dass man sich selbst auch wahrnimmt, also dass man versucht, sich mit den Augen dieses anderen Wesens zu sehen“, erklärt Dr. Papke. „Man versucht herauszufinden: Wie wirke ich eigentlich? Auf welche Art und Weise versteht mich mein Gegenüber?“

– Themen, die auch in zwischenmenschlichen Beziehungen eine Rolle spielen. Das Pferd kann so zu einer Art Spiegel werden: Es reagiert unmittelbar und ohne Vorbehalte. Und macht emotionale Zustände oder innere Spannungen des Menschen mitunter auf eine Weise erfahrbar, die die Teilnehmenden selbst zunächst noch nicht sprachlich fassen können. 

Ein Mann mit Helm und grauem T-Shirt reitet ein schwarzes Pferd mit weißem Stirnbrand in einer Reithalle. Das Pferd hat ein weißes Hinterbein und bewegt sich auf dem Sandboden.

Die besondere Wirkung des Pferdes hängt auch mit der langen gemeinsamen Geschichte von Mensch und Pferd zusammen. Über Jahrhunderte hinweg waren Pferde Arbeits- und Fortbewegungspartner des Menschen. Durch diese enge Zusammenarbeit entstand eine besonders differenzierte Form der Verständigung. Pferde entwickelten über Generationen hinweg die Fähigkeit, fein auf menschliche Signale zu reagieren und mit dem Menschen zu kooperieren. Gleichzeitig ist das Pferd dem Menschen körperlich deutlich überlegen und als sensibles Herden- und Fluchttier besonders aufmerksam und schreckhaft. Daher erfordert die Zusammenarbeit mit dem Pferd Achtsamkeit und eine bedachte und verlässliche Führung. Und diese besondere Form der Beziehung wirkt bis heute fort: Viele Menschen fühlen sich von Pferden angezogen und verspüren den Wunsch, mit ihnen in Kontakt zu treten. Die Begegnung kann Freude, Interesse und ein Gefühl von Verbundenheit ermöglichen. Gerade in der Suchtrehabilitation kann dieser Kontakt wichtige menschliche Bedürfnisse ansprechen und Erfahrungen ermöglichen, die unabhängig von Suchtmitteln erlebt werden.

Gefühle wahrnehmen und Vertrauen entwickeln

„Ein großes Thema bei vielen Teilnehmenden ist die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und der Versuch, sich daran zu orientieren oder zu verstehen, wie sie im sozialen Kontakt wirken“, erklärt Dr. Papke. „Auch die Stärkung des Selbstwerts und das Entwickeln von Vertrauen spielen eine große Rolle.“ 

Denn viele Teilnehmende haben eine negative soziale Erwartungshaltung gegenüber anderen – und teilweise auch gegenüber sich selbst. Etwa in Bezug darauf, was sie können und was nicht. Diese Unsicherheit im sozialen Kontakt wurde in der Vergangenheit teilweise durch den Konsum von Suchtmitteln kompensiert.

Im Kontakt mit dem Pferd können die Teilnehmenden nun auf neutralem Boden neue Beziehungserfahrungen machen: Sie erleben, dass sie angenommen werden und auch, dass ihr Verhalten Wirkung hat. Dr. Papke erinnert sich an eine Teilnehmerin, die besonders beeindruckt war, als das Pferd sie bei der zweiten Sitzung wiedererkannte und freudig auf sie zulief. 

„Die Tatsache, dass das Pferd sich ihr näherte und nicht wegging, hat ihr gezeigt, dass sie vielleicht gar nicht so abgelehnt und als schrecklich wahrgenommen wird, wie sie immer dachte“, erzählt sie. 

Viele Teilnehmende erleben, dass das Pferd auf sie reagiert, ihre Nähe sucht oder sich in ihrer Gegenwart entspannt. Die Begegnung ermöglicht dabei eine unmittelbare und nicht wertende Form des Kontakts: Es reagiert ohne Vorbehalte oder Erwartungen auf den Menschen. Diese Erlebnisse können über die konkrete Situation hinaus wirken.

Eine Frau umarmt liebevoll ein dunkles Pferd im Stall. Sie lehnt ihren Kopf an das Gesicht des Tieres, das ein Halfter trägt. Die Geste zeigt Zuneigung und Vertrauen zwischen Mensch und Pferd.

Auch Wünsche nach Nähe oder Distanz lassen sich leichter formulieren, indem sie zunächst dem Tier zugeschrieben werden – etwa wenn es heißt, das Pferd sei nervös oder wolle heute lieber von jemand anderem geführt werden. Auf diese Weise können eigene Gefühle und Bedürfnisse indirekt sichtbar werden und anschließend in der Therapie aufgegriffen und reflektiert werden. 

Ein gemeinsamer Erfahrungsraum

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der pferdegestützten Psychotherapie ist, dass Therapeutin und Klient*innen die Begegnung mit dem Pferd gemeinsam erleben. 

„Das heißt, wir erleben beide in Bezug auf diese Pferde etwas Neues und etwas miteinander.“, erklärt Dr. Papke. „Etwas, das wir gemeinsam tun, das all die Themen berührt, die in der Therapie eine wichtige Rolle spielen – Vertrauen, unmittelbares Erleben, Selbstreflexion und das Wiederentdecken eigener Ressourcen – und auf das wir später in der Einzel- oder Gruppentherapie nochmal zurückkommen können.“

Auch die Pferde selbst können Gesprächsanlässe schaffen. Ihre unterschiedlichen Verhaltensweisen, Eigenheiten oder auch Lebensgeschichten regen immer wieder dazu an, über eigene Erfahrungen nachzudenken. Dr. Papke berichtet zum Beispiel von einem kleineren Pferd mit sichtbaren Narben auf Haut und Fell. Wenn Teilnehmende nach deren Ursprung fragten und erfuhren, dass das Tier in seinem Leben bereits einiges erlebt hatte, sei das häufig ein Anlass gewesen, über Gewalt oder andere belastende Erfahrungen zu sprechen. Manchmal löste das auch Fürsorge aus oder den Impuls, besonders behutsam mit dem Pferd umzugehen – gerade bei Teilnehmenden, die selbst Gewalterfahrungen gemacht haben. 

Die Begegnung mit dem Pferd wird auch in der Gruppe wirksam. Die Teilnehmenden erleben etwas persönlich Bedeutsames, teilen ihre Eindrücke miteinander und reflektieren sie

In einer Reithalle steht ein schwarzes Pferd. Eine Frau hält es am Halfter, während eine zweite Person hinter dem Pferd steht und eine Hand auf seinen Rücken legt.

anschließend gemeinsam. So entsteht häufig ein intensives Gruppengefühl, in dem persönliche Themen leichter zur Sprache kommen. Die Pferde können dabei auch als eine Art „Eisbrecher“ wirken: Freude, Unsicherheit, Respekt oder Neugier – fast immer löst die Begegnung eine Reaktion aus, die anschließend aufgegriffen werden kann. 

„Das Pferd ist sozusagen ein Medium für die Verständigung und die Verbindung untereinander“, fasst es Dr. Papke zusammen.

Was bleibt?

Die pferdegestützte Psychotherapie kann in wenigen Terminen keine Lebensgeschichte verändern. Sie kann jedoch Erfahrungen ermöglichen, die nachwirken: wahrgenommen zu werden, die eigenen Gefühle bewusster zu registrieren und Beziehungen aktiv zu gestalten. Für viele Teilnehmende wird sie so zu einem Raum der Introspektion – ein Anlass, die eigene Befindlichkeit besser einzuordnen: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Was ist zu viel? Gerade weil die Begegnung mit dem Pferd unmittelbares Erleben und Fühlen ermöglicht, kann sie psychotherapeutische Prozesse in Bewegung bringen und neue Zugänge zu Veränderung schaffen.