Silvio Rehberg: Saubere Fenster und ein neuer Blick aufs Leben
Silvio Rehberg übernimmt gemeinsam mit seinem Team die Reinigung der Einrichtungen „Count Down“, der Verwaltungsräume, der zentralen Anmeldung sowie der Fachambulanz Sucht. Darüber hinaus betreut Cleanexx weitere Kundenstandorte in Berlin.
„Es gibt nichts Schöneres als saubere Scheiben"
Lieber Silvio, es ist gerade mal Mittag und dein Arbeitstag liegt bereits hinter dir. Wie geht es dir gerade und wie war dein Tag?
Also mir geht es eigentlich recht gut, außer dass es momentan sehr warm ist. An meinem Arbeitsplatz ist es auch sehr warm, weil sich die Büroräume so aufheizen. Außerdem bin ich schon seit früh unterwegs - ich habe schon um 4 Uhr angefangen zu arbeiten.
Das frühe Aufstehen ist für dich ja nichts Neues: du arbeitest schon seit vielen Jahren in der Gebäudereinigung. Wie bist du damals dazu gekommen?
Die Reinlichkeit, also dass man mit wenigen Griffen Sachen, Gegenstände, Objekte reinigen kann, fand ich schon immer toll. Also, dass man sie wieder zum Strahlen bringen kann. Das hat mich damals während meiner Zeit bei der Bundeswehr im Jahr 2003 dazu bewegt, als Quereinsteiger in eine Reinigungsfirma zu gehen. Dort habe ich mich dann mehr oder weniger auf die Grundreinigung spezialisiert, speziell auf die Glasreinigung.
Warum die Glasreinigung?
Das Fensterputzen ist meine liebste Arbeit. Ich finde es einfach schön, wenn man den strahlenden Blick nach draußen wahren kann: wenn die Scheiben dreckig sind beziehungsweise waren, dieser Vorher-Nachher-Effekt macht mich froh. Da fühle ich Genugtuung, sagen wir mal so. Es gibt nichts Schöneres als saubere Scheiben. Ich habe auch hier schon den Spitznamen „Fenstinator“ weg.
Seit knapp vier Jahren arbeitest du nun bei Cleanexx. Was unterscheidet deine heutige Arbeit von deinem früheren Arbeitsumfeld?
Das Arbeiten an sich unterscheidet sich, und auch das Arbeitsklima mit den Kollegen ist anders: die mussten mich erst mal alle bremsen. Ich hatte von meiner vorherigen Arbeit immer noch dieses Akkordarbeiten drin - also möglichst schnell und so viele Quadratmeter wie möglich schaffen. Meine Kollegen haben aber gesagt, „Nee, hier hast du Ruhe und nimmst dir die Pause, die du halt brauchst“. Das musste ich erstmal lernen, als ich bei Cleanexx angefangen habe. Vorher war ich eine Rakete hoch 10 und hier haben sie mich dann halt ein bisschen gebremst. Und wenn man langsamer arbeitet, schafft man auch was. Man muss nicht immer schneller werden.
Zwischen Alltag und Veränderung
Du hast jetzt beschrieben, was heute anders ist. Wenn du aber an die Zeit davor zurückdenkst: Wie sah dein Leben aus, bevor du zum Drogentherapie-Zentrum gekommen bist?
Ja, wie sah mein Leben aus? Also, mein Leben war eigentlich bloß: arbeiten, nach Hause kommen, trinken, schlafen. Also, um mich irgendwie runterzuholen von der Arbeit. Ich habe damals bei einer privaten Firma von einem Freund von mir gearbeitet. Und damit ich morgens überhaupt auf der Leiter stehen und den Arbeitsalltag meistern konnte, habe ich mir morgens schon einen Flachmann hintergehauen.
Was hat dich an diesem Arbeitsalltag am meisten belastet?
Vor allem diese Akkordarbeit, die hat mich gestresst! Aber auch das Arbeitsklima zwischen meinem Vorgesetzten und mir. Also, dass er öfters ausfallend geworden ist und sowas. Und wenn dann Feierabend war, waren wir die besten Kumpels, also ja… Das war auch keine gesunde Beziehung.
Heute sieht dein Leben anders aus. Wie kamst du zu dem Punkt, an dem du gemerkt hast, du willst oder musst etwas verändern?
Es ist mir psychisch nicht gut gegangen, aber auch körperlich nicht. Also, dieser übermäßige Alkoholkonsum, der hinterlässt auch seine Spuren. Ich hatte Schlafprobleme und mich damals auch mit meinen Geschwistern verstritten. Ich hatte bloß meine Partnerin mit ihrer Familie, mit der ich aber auch nicht wirklich im Reinen war. Ich war ein bisschen alleine. Und da habe ich dann zu mir gesagt, jetzt musst du irgendwas ändern, und habe mich dann selber in die Entgiftung gegeben.
Gab es auf diesem Weg bestimmte Herausforderungen für dich?
Ja, zu dem Zeitpunkt war ich aber immer noch mit meiner Partnerin zusammen. Sie hat mich noch in der Reha begleitet, aber selbst die ganze Zeit neben mir getrunken. Sie hat einfach nicht mit sich reden lassen und war überhaupt nicht einsichtig. Deswegen war es für mich immer sehr anstrengend, wenn ich bei ihr war. So ein Suchtdruck ist schon sehr anstrengend. Irgendwann habe ich dann für mich den Entschluss gefasst, mich von dieser Person zu trennen. Weil es einfach nicht mehr ging… Wäre ich mit der Frau länger zusammengeblieben, dann würde ich wieder an der Flasche hängen, geschweige denn vielleicht schon unter der Erde liegen.
Du warst dann in einer stationären Rehabilitationseinrichtung, in unserer Fachklinik Lago. Wie bist du während deiner Therapie dazu gekommen, wieder in der Reinigung zu arbeiten?
Ich habe aus Langeweile angefangen, die Scheiben in der Klinik zu putzen. Allerdings mussten mich die Therapeuten dabei ein bisschen bremsen: das heißt ich hatte eine strikte Zeit, das waren eineinhalb Stunden, in denen ich putzen durfte. Danach haben sie gesagt: „So, jetzt gehen wir in den Feierabend.“ In Gesprächen haben sie mich gefragt, wie es mir damit gehe und ich meinte: „Naja, ich fühle mich halt schon scheiße.“ Weil draußen in der Firma, da kann ich die Hälfte nicht einfach stehen und liegen lassen. Da hätte ich einfach durchgezogen. Aber in der Klinik musste ich das dann einfach lernen.
Ein Glied in der Kette
Und wie bist du schließlich bei Cleanexx gelandet?
Ich habe meine späteren Kollegen schon auf Therapie kennengelernt, also ich habe gesehen, was sie da leisten. Und als ich 2022 im Lago war, habe ich mich dann eigenständig bei Cleanexx beworben. Ich bin zum Vorstellungsgespräch und hatte einen Probetag. Mein Vorgesetzter, der Herr Letzsch hat mich dann mit Kusshand genommen, weil ich zu dem Zeitpunkt auch schon 18 Jahre Berufserfahrung hatte. Und seitdem bin ich hier.
Wie hast du diesen Start erlebt?
Also ich war und bin immer noch sehr froh, so einen Chef zu haben. So einen coolen Chef hatte ich vorher nicht. Er hat mir damals auch angeboten: „Wenn irgendwas ist, kannst du mich jederzeit anrufen.“ Und auch meine Kollegen haben mich damals durch eine schwere Zeit begleitet. Also man ist füreinander da: wir unterstützen uns gegenseitig, also wir bauen uns selber auf.
Würdest du das Arbeitsklima heute auch so beschreiben?
Ja, es ist auf jeden Fall harmonisch. Wir haben zwar hin und wieder leichte Reibereien, aber wir haben auch Teamsitzungen, bei denen wir das dann aus der Welt tragen. Das Klima ist wirklich super, also jeder hilft jedem. Da ist niemand, der sagt: „Ich habe jetzt keinen Bock“. Bei uns ist es entweder einer für alle oder alle für einen. Wir sind alle wie, wie sagt man, Kettenglieder, die zusammenhalten.
Was bedeutet dir die Arbeit heute?
Die Arbeit gibt mir viel. Sie gibt mir Anerkennung. Die meisten freuen sich, wenn ich zum Beispiel hier oben in der Verwaltung war. Eine Mitarbeiterin dort hat zum Beispiel gesagt: „Die Fenster sehen super aus.“ Diese Anerkennung, dass ich etwas geschafft habe, macht mich froh. Oder dass ich meinen Kolleginnen und Kollegen damit eine Freude machen kann. Ich freue mich, wenn sie sich freuen. Ich finde das einfach schön. Und wenn ich hier Feierabend mache, dann gehe ich wirklich entspannt nach Hause. Ich weiß, ich habe nichts liegen gelassen. Es ist alles erledigt.
Rückschläge und neue Perspektiven
Gab es in den letzten Jahren trotzdem auch schwierige Momente, mit denen du umgehen musstest?
Ja, also ich hatte voriges Jahr einen kleinen Vorfall. Das wissen auch alle. Und ich habe es nicht lange in die Länge gezogen: das war ein Abend, und ich habe auch gleich am nächsten Tag meinen Chef angerufen, dass es ja nicht irgendwie ausartet. Er hat sich auch darum gekümmert, dass ich dann schnell zur Überwachung ins Entzugskrankenhaus Count Down komme. Und das kommt auf jeden Fall nicht mehr wieder vor.
Das klingt sehr stark! Wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst, gibt es irgendwas, worauf du besonders stolz bist oder dich besonders drüber freust?
Ja, auf jeden Fall über den Kontakt zu meiner Familie. Als ich mich damals von meiner Partnerin getrennt habe, haben mir meine Geschwister das hoch angerechnet. Seitdem habe ich zu ihnen wieder einen sehr guten Kontakt. Wir sind jetzt viel zusammen, draußen im Garten und feiern meine Geburtstage. Und ich mache meinen Gesellenbrief als Gebäudereiniger. Das ist ein Vertrauensbeweis, dass mir der Chef sowas überhaupt anbietet. Das zeigt ja, dass er denkt: „Du hast schon was auf dem Kasten und ich würde dich jetzt gerne nochmal in die Abendschule stecken.“ Ich fang im September an und die trichtern uns in den sechs Monaten ein, wofür die Lehrlinge drei Jahre brauchen. Das wird nochmal anstrengend, aber ich freue mich drauf.
Eine letzte Frage: Was würdest du jemandem sagen, der gerade erst mit der Therapie angefangen hat und sich nicht vorstellen kann, dass ein Neuanfang möglich ist?
Nicht die Flinte ins Korn werfen. Wird ein langer und auch ein schwieriger Weg. Aber wie sagt man da? Der Weg ist das Ziel.